Lenin

Keine Ruhe für Genosse Lenin

Arte | 1.10.2017

Er hat Millionen Russen begeistert und seine Gegner erbarmungslos aus dem Weg geräumt. Er hat die Oktoberrevolution angezettelt und war Vater der Sowjetunion. Als Statue zierte er fast jede russische Stadt. Und sein Konterfei war allgegenwärtig – von der Wand im Klassenzimmer bis zur sozialistischen Kaffeetasse: Wladimir Iljitsch Lenin. Damals, als es noch die Sowjetunion gab. Und heute? Was bedeutet er heute noch seinen Landsleuten? Lenins Leichnam wurde für alle Ewigkeit auf dem Roten Platz konserviert. Aber sein politisches Erbe scheint weniger dauerhaft und hat Risse bekommen.

 

Wandelt sich Lenin langsam vom ewigen russischen Übervater zur unsterblichen Touristenattraktion?

 

Der Film beginnt beim Staatsmann persönlich: Im Mausoleum in Moskau. Und führt zu den wichtigen Stationen in Lenins Leben. Er zeigt Menschen, die den Machthaber als barbarischen Despoten verachten und Anhänger, die ihrem Idol bis heute bedingungslos die Treue halten.

Eine beängstigende Vorstellung für Metropolitan Anastasy. Er ist Oberhaupt der Russisch Orthodoxen Kirche in Uljanowsk, dem Geburtsort von Lenin. Nach der Oktoberrevolution wurden Gotteshäuser zerstört, Geistliche ermordet und die Kirche in den Untergrund verdrängt. Lenin verbreitete die Parole „Religion ist Opium für’s Volk“. Erst mit dem Ende der Sowjetunion kehrte wieder kirchliches Leben in den russischen Alltag zurück.

Menschen wie Andrey Yazov aus St. Petersburg. Er ist fest davon überzeugt, dass seine Heimatstadt irgendwann wieder ‚Heldenstadt Leningrad’ heißen wird. Andrey ist Lokalpolitiker, kämpft für die Kommunistische Partei der Russischen Föderation und hofft auf eine neue Revolution im alten Stil. Für einen starken Staat und eine gehorsame Bevölkerung.

Wenn Lenin besoffen in der Badewanne liegt oder sich zappelnd im Grabe umdreht, dann ist meistens Alexander Shaburov daran schuld. Der russische Künstler ist in der Sowjetunion aufgewachsen und empört darüber, dass die Erinnerung an Lenin einfach so verblasst. Mit schrägen Aktionen und drastischen Werken will er den Vater der Revolution wieder ins Gedächtnis rufen. Was nicht immer den erhofften Effekt hat.

Auch Viktor Popov muss mit Niederlagen umgehen können. Obwohl er Staatsmann in Person ist: Als Lenin-Doppelgänger. Doch die Zeiten sind hart geworden. Popov hat noch reichlich Termine frei und gleicht fehlende Lenin-Buchungen als James-Bond- oder Michael-Jackson-Doppelgänger aus. Ein neuer Kundenkreis könnten chinesische Touristen sein. Tausende kommen ganz gezielt nach Russland, um Lenin zu erleben. Den echten Lenin möglichst und nicht den Doppelgänger. Rote Reisen zu den Wirkungsstätten des großen russischen Führers werden immer beliebter.

Wandelt sich Lenin langsam vom ewigen russischen Übervater zur unsterblichen Touristenattraktion?

 

Buch + Regie: Sven Jaax

Kamera: Dragomir Radosavljevíc

Mitarbeit: Luba Kuzovnikova

Ton: Sebastian Richter

Schnitt: Stephan Haase

Redaktion: Katja Wildermuth

Produktion: ARTE | MDR | doc.station

Premiere: 2017