Chiloé

Vor Chiles wilder Küste

Die Pazifikinsel Chiloé
NDR | 3.3.2016
mareTV

Das Wetter sei im Winter entsetzlich und im Sommer nur wenig besser, schrieb Charles Darwin über die Pazifikinsel Chiloé. Und war hingerissen von dem wilden Eiland an der Westküste Südamerikas, von seinen atemberaubenden Fjorden, Klippen, endlosen Stränden und höflichen Bewohnern. Die Insulaner lieben das raue Klima und sind bis heute stolz auf ihre entlegene Heimat, die zu den regenreichsten Gegenden der Welt zählt.

Noch gehört Chiloé zu den abgeschiedensten Orten Lateinamerikas. Doch das wird sich bald ändern: Ein Brückenbau soll die Insel mit dem Kontinent verbinden. Viele Insulaner fürchten um den rustikalen Charakter von Chiloé. Traditionelle Lebensweise und alte Baukunst könnten dem modernen Einerlei weichen. Noch ist ein Besuch auf Chiloé wie eine wunderbare Zeitreise in die Vergangenheit.

Chiloé ist eine Insel voller Abenteuer und charismatischer Menschen.

 

Wer hier lebt, sollte keine Angst vor der Einsamkeit oder bösen Geistern haben, die angeblich auf der Insel ihr Unwesen treiben. Respekt vor der Macht des Pazifik, Pioniergeist, Geduld und Spaß am Improvisieren helfen dagegen sehr.

 

Der Film spielt vor allem an den Außenposten Chiloés, an Orten wie dem Cole Cole Nationalpark, einem fast menschenleeren Gebiet an der Westküste. Nur ein paar wenige Insulaner dürfen dort siedeln, weil es das Land ihrer Vorfahren ist. Dort leben die Brüder Elias und Jeremias. Die beiden Schüler lieben vor allem ihre Spielwiese mit grandioser Aussicht über den Pazifik. Überwältigend ist auch ihr Schulweg: Mindestens eine Stunde brauchen sie mit dem Pferd über die Hügel zum Sandstrand. Von dort geht es mit dem Geländewagen der Schule 15 Kilometer bis zum Klassenraum.

Nicht weit davon wohnt Don Orlando. Er könnte ein reicher Mann sein, wenn er sein Land in bester Lage verkaufen würde. Aber das will er gar nicht: Viel lieber bleibt er in seiner bescheidenen Hütte mit Plumpsklo, ohne Anbindung an die Stadt, ohne Nachbarn. Dafür mit Hühnern, Hunden, Katzen und seiner Fossiliensammlung. Auf Don Orlandos Grundstück liegt die Rampe ins Jenseits: Hier verlassen die Seelen der Verstorbenen die Erde. Daran glauben nicht nur die Huilliche-Indianer der Insel. Immer mehr Sinnsucher aus aller Welt zieht es zu Orlandos Rampe.

Viana Soto ist mehr für die Lebenden zuständig und versucht sie möglichst lange von Don Orlandos Rampe fern zu halten. Sie ist als Krankenschwester in den abgelegenen Siedlungen unterwegs. Kein Ort auf Chiloé oder den umliegenden Inselchen liegt so abseits, dass Viana ihn nicht erreichen könnte. Ihr wichtigstes Verkehrsmittel ist das Boot. Mit dem Notrucksack und einer großen Portion Warmherzigkeit im Gepäck besucht sie ihre dankbaren Patienten.

Auch Sergio Jara ist dem Pazifik verbunden. Er lebt in einem Pfahlbau über dem Pazifik. Diese Palafitos sind zwar schön, haben aber einen Nachteil: Die Holzkonstruktion hält nur ein paar Jahre Wind und Wasser stand, dann muss ausgebessert werden. Zum Glück kann Sergio das selbst erledigen. Er ist einer der besten Tischler der Insel. Zu seinen Auftraggebern gehört auch Cristian Medina, ein Hotelier, der mit seinen edlen Holzbauten Architekturgeschichte schreibt und Lifestyle begeisterte Menschen an die Küste von Chiloé holt.

In einer ganz anderen Welt, in der es garantiert keinen Luxus gibt, lebt Luis Gonzalez. Er ist Machero, Muscheltaucher an der Bucht von Cucao. Meistens ist der Strand dort menschenleer. Nur für wenige Stunden am Tag füllt sich das Ufer mit derbe anmutenden Männern. Verpackt in grobe Schutzanzüge steigen sie bei Niedrigwasser in die Wellen und beginnen mit dem ‚Muscheltanz’: Mit den Füßen wird der Sandboden aufgelockert und nach Muscheln abgetastet. Die Macheros machen einen der härtesten Jobs der Insel. Reich werden sie damit nicht, doch an der Westküste der Insel gibt es wenig berufliche Alternativen zum Muschelhandel.

Wohl alle Bewohner Chiloés haben schon mal Hugo Barsenas getroffen und sich in seine Obhut begeben. Er ist Fährkapitän auf der Strecke zum Festland. Sein Revier ist nichts für Freizeitkapitäne: Starke Strömungen, gnadenlose Stürme und drohende Tsunamis verlangen hier einen erfahrenen Seemann. Hugo bleibt an Bord stets die Ruhe selbst. Er fürchtet sich nicht vor Naturgewalten, ihn ängstigt etwas ganz anderes: Der Bau der Brücke zum Festland. Die ersten Teile stehen schon. Hugo sieht nicht nur seinen Arbeitsplatz in Gefahr. Er fürchtet um den entspannten Alltag und die Sicherheit auf Chiloé, wenn zukünftig alle ‚mal eben’ auf die Insel brettern können. Als Kapitän hat Hugo im Blick, wer oder was auf die Insel kommt. Das könnte sich bald ändern.

 

Kamera: Jörg Hammermeister

Ton: Stefan Tuchel

Schnitt: Elisabeth Hirsch

Redaktion: Alexander von Sallwitz

Produktion: NDR | nonfictionplanet

Premiere: 3.3.2016